Sam GrigorianDe/En

Presse

Ausgewählte Rezensionen und Pressetexte.

High was the Sky, 2006, Mischtechnik, Décollage, 198 × 198 cm
High was the Sky, 2006, Mischtechnik, Décollage, 198 × 198 cm
Mauerpark, 2006, Mischtechnik, Décollage, 150 × 202 cm
Mauerpark, 2006, Mischtechnik, Décollage, 150 × 202 cm
Miles Davis gewidmet, 2008, Mischtechnik, Décollage, 181 × 348 cm
Miles Davis gewidmet, 2008, Mischtechnik, Décollage, 181 × 348 cm

Sam Grigorian: Calculated Happenstance

Frank van der Ploeg, Kunsthistoriker · Holland Paper Biennial, 2010

Die Collage stammt aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Man kann sich die zweidimensionale Kunst heute ohne diese Ausdrucksform nicht mehr vorstellen. Es liegt nahe, den schichtweisen Aufbau mit den ehrwürdigen Prinzipien der Malerei zu vergleichen. Papier verhält sich zur Collage wie Farbe zur Malerei. Doch es ist auch der umgekehrte Weg möglich: kratzen, reduzieren, das einmal aufgebrachte Material abtragen. Wird diese Technik auf eine fertige Collage angewandt, entsteht die Décollage.

Sam Grigorian, 1957 in Jerewan geboren und seit 1992 in Berlin ansässig, arbeitet ausschließlich mit dieser Technik. Auf Papier klebt er Material, und danach entfernt er es wieder, schichtet neue Schichten darüber, entfernt erneut. Was bleibt, ist eine Oberfläche aus lauter Schichten abgetragener Zeit.

Werke wie High was the Sky und Mauerpark (beide 2006) haben, nicht nur wegen der gewählten Titel, einen szenisch-geografischen Unterton. Das Flickwerk des ersten erinnert an eine Luftaufnahme von Parzellen, unter den bunten Streifen des zweiten verbirgt sich die diagrammatische Darstellung eines Parks. Ein Werk wie Miles Davis gewidmet (2008) ist abstrakter und spielt möglicherweise in Stil und Titel auf einen berühmten Vorgänger an: Piet Mondrian, dessen Victory Boogie Woogie mithilfe von Klebestreifen entstand.

Grigorians Arbeiten zeigen eine Oberfläche, die das Zufällige kalkuliert hat. Der Titel der Ausstellung, Calculated Happenstance, trifft es genau: Was wie Zufall wirkt, ist das Ergebnis einer langen, geduldigen Praxis des Auftragens und Abtragens.

Ein Rest Unfassbarkeit muss bleiben

Ingeborg Ruthe, Kunstkritikerin · Berliner Zeitung · Sommer 2017

Zufall und poetische Gegenstandslosigkeit werden eins. Man schaut links, rechts, oben, unten. Die Formen treten aus der Fläche – oder, fast wie in der Op Art, in sie zurück. Collagen verwandeln sich in Décollagen. Sam Grigorians Malerei ist fast minimalistisch und sie tendiert optisch zum Relief. Horizontale Linien strukturieren das klare und dennoch rätselhafte Bildgeschehen, schaffen eine gleichsam magische Ordnung.

Wenn er Papier, mit Vorliebe Notenpapier – denn er fühlt und denkt wie ein Musiker – auffaltet, knickt, knüllt, reißt und ritzt, wenn er Leinwand-Flächen abklebt, übermalt, gleich darauf die Streifen abreißt und Ebene für Ebene freilegt, dann ergibt das Kompositionen aus Linien. Es sind horizontale, vertikale, auch schwingende Linien. Und es ergeben sich Farbfelder in kräftiger Farbpalette oder aber auch bisweilen eher monochrom, schwarz-weiß, hell-dunkel. Immer sucht dieser Maler den Kontrast.

Dieser vor vielen Jahren aus Jerewan weggegangene Maler kommt aus einem sehr alten, sehr traditionellen und auch ideologisch behafteten Kulturkreis. In diesem war für ihn als Künstler kein Fortkommen möglich. Ihn zog es in die westliche Moderne. So fand er zu einem Synkretismus, magisch, kontrastvoll, aber auch harmonisch: Grigorians Kunst strebt zu Klarheit, Linie, Form, zum Intellektuellen, zu Poesie. Man kann seine Bilder nicht bis zur Neige ausdeuten. Ein Rest Unfassbarkeit muss bleiben.

Die armenischen Wurzeln seiner Kunst manifestieren sich vor allem in einer ganz besonderen Beziehung zum Papier, das er mit einzigartiger Meisterschaft schöpft und bearbeitet. Grigorian greift in die Papierfläche ein, indem er sie mit einer eigens entwickelten Technik öffnet und tiefere Schichten freilegt. Wie ein Bildhauer nimmt er Volumen weg, um Form und Inhalt aufs Wesentliche zu reduzieren. Zutage treten dabei rätselhafte Zeichen: armenische, ägyptische, ostasiatische oder solche wie von Kinderhand gesetzt.

„Kontrollierte Zufälle“ – so beschreibt Sam Grigorian seinen Arbeitsprozess zwischen Absicht und Intuition. Seine Kunst erscheint abstrakt. Und doch kommt sie vom Sehen, vom sinnlichen Erleben seiner Umgebung, vom Musik-Hören. Er übersetzt das Vokabular seiner Anschauung der Welt und deren Klänge in seine Sprache aus Farben, Linien, Formen, Chiffren. Ein jedes hat Bedeutung, aber es schwebt irgendwie ohne Last im Bildraum. Wie Klang.

Sam Grigorian @ 60

Asparez · März 2018

Tufenkian Fine Arts präsentiert Sam Grigorian @ 60, eine Ausstellung mit ausgewählten Werken von Sam Grigorian, 23. März – 27. April 2018. Es ist Grigorians zweite Ausstellung bei Tufenkian Fine Arts; seine erste Einzelausstellung in der Galerie fand 2015 statt. Der in Berlin lebende Künstler hat mit seiner außergewöhnlichen technischen und thematischen Bandbreite internationale Anerkennung gewonnen. Seine Werke waren unter anderem in der Holland Paper Biennale 2010, der Art Stage Singapore, der Art Fair Köln und der Melbourne Art Fair vertreten.

Grigorians Arbeiten sind ebenso bekannt für ihre Einzigartigkeit, Schönheit und zurückhaltende Eleganz wie für ihre konzeptionelle Tiefe. Ein wesentlicher Aspekt seines Werks ist der subtile Verweis auf das Entfalten einer Reise, ein stoisches Bewusstsein für das Vergehen der Zeit. Dies zeigt sich besonders in seinen Papierarbeiten, die durch die Wiederverwendung und Neuaneignung von Material eine Bestätigung des zyklischen Charakters des Lebens darstellen.

Heute hat sich Grigorians Werk zu einem einzigartigen Ausdruck von Freude entwickelt, einer lebhaften Empfänglichkeit angesichts der Sorgen der Welt. Mit 60 ist Grigorian bescheiden und erfrischend zurückhaltend, ein Spiegelbild seiner Serie „Happiness“. Die Gemälde dieser Serie, mit lebhaften Farben und kühnen Kompositionen, fesseln den Betrachter und entfalten reich emotionale Resonanz: eine uneingeschränkte Feier des Hier und Jetzt.